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Unsere Freiwillige Luisa Nietsch berichtet aus Guayaquil

Hallo an alle Zuhause!

Nun ist auch wieder einige Zeit vergangen und viel passiert.

Seit ich das letzte Mal geschrieben habe, ist Weihnachten, Silvester, der Besuch meiner Mama und meiner Patentante, mein Zwischenseminar in Bolivien und meine 3 Wochen Urlaub mit Papa und Naddi in Peru, Ostern vergangen und das neue Schuljahr hat begonnen.

Weils am meisten Sinn macht, werde ich mal chronologisch vorgehen und die Vorweihnachtszeit beschreiben. Weihnachten in Ecuador ist für alle hier ein riesen Event. Die Menschen schmücken übermäßig und unter all dem Gefunkel sieht man oftmals das Haus nicht mehr. Der ganze Dezember war bestimmt von (Vor)Weihnachtsessen. Von diesen Essen hat man geschätzte 200000 Stück. Mit der Arbeit, den besten Freunden, anderen Freunden, mit den Leuten von der Uni, mit dem engeren Kreis der Familie, mit dem weiteren Kreis der Familie, mit den Kindern in der Schule, nur mit den Lehrerinnen von der Schule etc... Man wird runder und runder und isst leider fast immer das typische Weihnachtsessen. Truthahn, gekochten Schinken, Reis und eine süßen Soße aus Rosinen, ist ganz lecker, wird nach dem 10. Mal dann leider doch etwas öde. An sich sind diese Essen aber immer sehr schön und ich finde es beeindruckend, dass jeder all diese Essen in die stressige Vorweihnachtszeit packen kann und die auch absoluten Vorrang haben. Weihnachten hier bedeutet für viele Menschen wirklich die Zeit an der man an den Anderen denkt. Es werden haufenweise von „Canasta“ geschnürt und an alle möglichen Menschen verteilt. Ein Canasta besteht meist aus Grundnahrungsmitteln so wie Mehl, Reis, Kakao, Öl, Milchpulver, Zucker, Salz, Nudeln und dann noch Thunfisch, Senf, Ketchup was Süßes oder auch Saftpulver. Mit meiner Gastmama (bei der ich unter der Woche lebe, also nicht meine Chefin) war ich auf einigen dieser Canastatreffen. Sie und ihr Freundeskreis machen jedes Jahr an die 350 Canasta und verteilen sie in einem der ärmsten Viertel in Guayaquil und auf einer kleinen Insel vor Guayaquil. Diese Treffen waren immer sehr spaßig, es wuseln etliche Leute in einem riiiiesigen Wohnzimmer oder Hof herum, auf dem 350 Eimer stehen und nach und nach gefüllt werden. Es herrscht eine schöne Stimmung und für mich war es die erste Vorweihnachtszeit die mich wirklich seelig gestimmt hat, weil man das Gefühl hat „etwas Gutes zu tut“, anstatt durchgehend von der Weihnachtszeit gestresst zu sein und sie nicht zu nutzen, geschweige denn genießen zu können. Die 350 Eimer haben wir dann mit 2 Bussen in das Viertel gekarrt, in dem meine Gastmama und einige ihrer Freundinnen am Wochenende ehrenamtlich in einer wirklich heruntergekommenen Hütte Unterricht für Kinder geben, die unter der Woche nicht in die Schule gehen können, weil sie arbeiten müssen. Für die Familien, die ihre Kinder regelmäßig zum Unterricht gehen lassen, gabs dann Canasta. Also hatten wir eine Liste mit Namen und alle Familien haben vorher einen Gutschein bekommen, um nachweisen zu können, dass ihnen einer dieser Canasta zusteht. Außerdem organisiert dieser Freundeskreis jedes Jahr eine Weihnachtsfeier, wo es dann auch Kuchen und kleine Spielzeuge für die Kinder gibt. Wenn man sich vorstellt, dass diese Frauen 10 ganze Monate vorher anfangen diese Feier zu planen, Geschenke und Geld zu sammeln ist es wirklich beeindruckend was da auf die Beine gestellt wird von ungefähr 15 wirklich aktiven Mitarbeiterinnen. Ich war in der Abteilung Kuchen schneiden und verteilen. Somit haben wir versucht aus 4 riesigen Torten mehr oder weniger 350 gerechte Stücke zu schneiden um sie dann in einer Wahnsinnsaktion an etliche Kinderhände zu verteilen. Nachdem wir 2 Stunden geschnitten haben wurden uns die Kuchen in gefühlten 2 Sekunden aus den Händen gerissen. Es war toll, die Kinder haben gestrahlt und waren übermäßig glücklich mit den 2-3 Gabeln Kuchen. Ich hatte Kuchen überall an meinem Körper, in den Haaren, im Gesicht auf der Kleidung, sogar ein Stück im Ohr. Als ich dann zu den Canastaschlangen kam, war ich wirklich baff. Die Leute standen Hunderte von Meter an, jeder hat seine komplette Familie mitgebracht (was in Südamerika dann auch schon gut und gerne mal an die 20 Leute sein können) und alle waren geduldig bis zum Schluss. Wirklich hart für mich, war, dass viele Familien kamen, die dann leer ausgingen, weil sie nicht auf der Liste standen. Als ich aus dem Auto meiner Gastmama etwas rausholen wollte, hat mich ein junger, spargeldürrer Mann angesprochen und mich wirklich um einen Canasta ANGEFLEHT. Das blöde war, dass im Kofferraum noch etliche gestapelt waren, die aber für die Menschen auf der Insel bestimmt waren. Also hat der Mann sehr wohl gesehen, dass ich noch welche hatte und dann gesagr, dass er kein Geld hat, er und seine Kinder krank sind und Hunger haben. Und dann stand ich da, als Weiße (hier auch gerne „gringa“ genannt) vor ihm und musste „Nein“ sagen. Das war ein sehr unangenehmes Gefühl, ich kam mir so überheblich und schlecht und geizig vor. Ich habe dann in meinen Taschen nach Geld geschaut und bin fündig geworden. 5$ habe ich gedacht sind ja sicher genug. Also bin ich zu meiner Gastmama getippelt um sie zu fragen ob ich einen Canasta für den Mann kaufen kann. Allerdings sagte sie mir dann, dass ein Canasta 25$ kostet. Das hätte ich niiie niiemals erwartet. Sind doch eigentlich nur Grundnahrungsmittel. Das hat mich dann nur noch mehr erstaunt, wie ein paar Frauen sooo viel Geld organisieren konnten. Da ich also nur 5$ hatte und meine Gastmama gesagt hat, dass ich so besser gar nicht erst anfangen solle, musste ich dem Mann den Canasta verweigern. In solchen Momenten bekommt man einen Hauch einer Ahnung, was die Prozentzahl “70 % der Bevölkerung ist arm“, bedeuten soll. Diese Zahl kann einem niemals zeigen wie das wirklich in der Realität aussieht und wie verdammt viele das sind und dass es einfach unmöglich bleibt, jedem in irgendwie helfen zu können. Es wird sich immer auf einen kleinen Kreis beschränken. Als dann alle Canasta abgeholt waren, kam eine alte Frau auf mich zu, die geweint hat und uns alle umarmen wollte. Sie hat sich übermäßig bedankt und allen gesagt, dass sie Engel sind und wie viel sie für die Menschen hier tun und wie wichtig ihre Arbeit ist. Das war so schön zu hören! Auf der einen Seite. Auf der anderen wurde mir dann bewusst, dass das die einzige von den ganzen Menschen ist, den 350 Familien und den etlichen Kindern, die sich bedankt hat. Die Freunde meiner Gastmama sagten mir dann, dass das immer so wäre. Dass sich die Menschen eigentlich nie bedanken, es eher manchmal schon als Selbstverständlichkeit ansehen. Diese Tatsache hat mich lange danach noch beschäftigt. Und auch die Frage ob es in Ordnung ist von mir zu verlangen oder zu erwarten, dass sich die Menschen bedanken. Helfe ich da nur mit, weil ich den Dank von diesen Menschen will? Ist es nicht unverschämt und überheblich, dass ich mich ärgere, dass keiner von ihnen „Danke“ sagt? Oder ist es in Ordnung von mir, diese Erwartung zu haben? Mit den Eltern meiner anderen Gastfamilie, welche auch Canasta verteilen, jedoch an Familien von den Kindern meiner Schule, bestätigten, dass sie immer öfter diese Erfahrung machen. Meine Gastmama meinte aber auch, dass viele von diesen Menschen nie gelernt haben sich zu bedanken. Trotzdem ist es ein Problem diese Menschen immer so zu behandeln als müssten sie durchgängig Hilfe beziehen. Man nimmt sie damit manchmal auch aus der Verantwortung und steckt sie in eine Opferrolle, die sich, so stelle ich mir das vor, ziemlich demütigend aber auch gemütlich anfühlen kann. Somit geht es oft darum, gerade in dieser Vorweihnachtszeit, mit den ganzen Festen, die Menschen zu motivieren, sie und ihre Mithilfe auch einzufordern. Denn sie selbst beginnen an sich zu zweifeln oder sind sich zu gemütlich sich einzubringen. Das war für mich eine ganz neue und wichtige Erkenntnis, ich habe gemerkt, dass ich begonnen hatte die Menschen nicht ebenbürtig zu sehen und nur weil sie sehr arm sind, heißt das noch lange nicht, dass sie nichts können, keine Stärken besitzen oder man sie immer wie rohe Eier behandeln muss. Vor Weihnachten haben wirklich etliche Menschen Geld, Spielsachen oder Nahrung gespendet. Manchmal auch wirklich zu viel und einerseits ist es schön zu sehen, dass das hier wirklich funktioniert, die Idee, dass man an Weihnachten etwas für andere tut. Andererseits ist es für mich auch immer ein bisschen heuchlerisch, weil so bald Weihnachten rum ist, sind diese Menschen wieder vollkommen egal. Und trotzdem ist es toll, dass einmal im Jahr wirklich fast jeder an seinen „Nächsten“ denkt und ich hoffe, dass ich mir das auch in Deutschland beibehalten kann. Für mich war das Canastaverteilen so erfüllend und hat meine Einstellung zu Weihnachten, als mehr oder weniger sinnlos und nervig um 180 Grad gedreht. Eine Woche vor Weihnachten sind dann meine Mama und meine Patentante in Guayaquil angekommen. Erschlagen von dem Klima, der Größe und dem Verkehr in der Stadt und noch einigen anderen komischen und neuen Eindrücken haben sie mich hier 2 Wochen begleitet und in mein Leben reingeschnuppert. Auch wenn es für mich anfangs sehr fremd war und es sich anfühlte, als müsste ich jetzt eine Welt teilen oder offenbaren, die bisher nur mir gehört hatte, war es sehr schön sie hier zu haben. Es hat uns alle viel gekostet all das zu verarbeiten, wir haben schöne und auch schwierige Erfahrungen zusammen gemacht und trotzdem, wenn man das hier alles einmal sieht und erfährt, lässt einen das nicht mehr los. Meine Mama hatte dann einen wunderschönen Clownsauftritt in meiner Schule, noch heute reden die Kinder, Lehrerinnen und meine Chefin davon. Für mich war es sehr berührend zu sehen, wie viel Herz und Zuneigung von beiden Seiten kamen, ohne der Möglichkeit zu kommunizieren, zumindest nicht verbal. Ebenso ist es faszinierend, wie meine Tante und Mama aufgenommen wurden. In meinen beiden Familien hat man sie vorfreudig erwartet, sich gekümmert um ihnen die Zeit hier so schön als möglich zu machen. Noch heute, wenn ich mit ihnen telefoniere und meine Gastfamilie oder meine Mitarbeiter im Büro das mitbekommen, werden freudig Grüße geschickt und immer wieder daran erinnert, dass man sich besuchen wird. Ein witziges Ereignis war, als wir für meine Chefin und ihre Familie Spätzle, Gurkensalat und Tomatensoße gekocht haben. Wir hatten mit 5 Personen gerechnet, zumindest waren das die offiziell Eingeladenen. Am Schluss saßen wir dann zu 11. am Tisch. Natürlich hatten wir ja auch nicht für 11 eingekauft und gekocht. Für meine Mama und meine Tante wurde das dann doch stressig und unverständlich, warum man da vorher nicht Bescheid sagen kann oder nicht mal nachfragt. Schlussendlich wurden aber alle satt und glücklich. Der Abschied von beiden wurde tränenreich, doch sind sie mit gutem Gefühl nach hause gefahren. Im Januar bin ich dann zu meinem Zwischenseminar in Bolivien geflogen. Allein die Reise dorthin war ein abenteuerliches Gefühl. Da finde ICH mich ALLEINE auf dem Flughafen in Lima wieder, irgendwo auf der Welt, extreeeem weit weg von dem netten Fleckchen Speyer und auch nicht grade nah zu Ecuador. Das Seminar war wie erwartet und typisch für die fid-Seminare super gut, voll von Erkenntnissen, schönen und traurigen Berichten der anderen, Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Für mich ist es faszinierend, wie offen und zugänglich diese Erfahrungen hier machen. Innerhalb von wenigen Tagen war sehr viel Vertrauen gegeben und der Austausch und einfach mal wieder sprechen zu können und gehört zu werden, war für viele sehr berührend. Auf dem Seminar waren um die 25 Freiwillige, welche mehr oder weniger das selbe machen wie ich hier. Sie arbeiten in Bolivien (z.B. mit Schuhputzern, was sehr interessant ist), in Nicaragua (mit ihrer Geige und geben unterricht), in Peru (in einer Behinderteneinrichtung), in Chile (im Kindergarten/hort) und und und... Es war schön zu sehen, wie viel wir alle gemeinsam haben, wo doch alle trotzdem etwas sehr unterschiedliches erleben. Oft saßen wir in unseren Kleingruppen zusammen, konnten gemeinsam lachen aber auch genauso gemeinsam weinen. Ich kann gar nicht beschreiben wie unheimlich wertvoll und toll ich diese fid-Seminare finde. Vor allem nachdem ich vom Chef persönlich erfahren habe wie klein diese Organisation ist. Wenn man dann betrachtet, wie viel diese kleine Organisation leistet, wie vielen sie von uns Freiwilligen schon mehr oder weniger das Leben gerettet haben, ist es umso erstaunlicher. Zurück in Guayaquil habe ich dann zwei Wochen normal in meiner Schule gearbeitet um dann meine „richtigen“ Ferien zu beginnen. Nämlich 3 Wochen Rucksacktour durch Peru mit meinem Papa und seiner Freundin Natascha. Wenn ich anfange über diese Zeit zu schreiben, kribbelts mich. Wir hatten sooo viel Spaß in diesen 3 Wochen, haben so viel erlebt (und auch überlebt), so viel gesehen und genossen. Das Land Peru ist super vielseitig und in diesen 3 Wochen haben wir Zeit am Meer, in den Bergen, im Regenwald und im Dschungel verbracht. Jedes für sich besonders und eigen, während wir am Strand den Surfern zugeschaut haben, in den Bergen auf alte Präinka Kulturen gestoßen sind und uns schlussendlich die Moskitos im Dschungel aufgefressen haben, waren wir immer tapfer und fröhlich. Auch wenn ich vorher geglaubt habe, so mit dem Rucksack ist das alles easy und man muss eigentlich überhaupt nichts planen, ist mir dann doch sehr wohl aufgefallen, dass man planen muss und es gerade in diesen unglaublich vielseitigen und von Naturschätzen übersäten Ländern schwer ist, sich zu entscheiden wo die Reise hingehen soll. Ich bin sehr dankbar für die Zeit mit den Beiden und auch für das, was mir diese Erfahrung für die Beziehung zu meinem Papa geschenkt hat. Von Peru heimgekehrt, stand als nächstes mein Geburtstag auf dem Plan, den ich hier sehr spaßig und mit allerlei Überraschungen verbracht habe. Meine engsten Freunde haben mir eine kleine Überraschungsfeier gemacht, was mich sehr gerührt hat. Ich hätte nie gedacht, wie eng Freundschaften in so kurzer Zeit werden können und ich war sehr beeindruckt, dass sich alle so sehr um mich gekümmert haben. Ich dachte nämlich auch das dieser Tag heimwehtechnisch etwas traurig werden könnte. Aber das haben wohl auch alle anderen gedacht und mich deshalb auch besonders umtütelt und beschäftigt. Die Kinder hatten von Januar bis Anfang April Schulferien. Somit habe ich den März in einem Art Ferienprogramm gearbeitet, dabei 3 Tage in der Schule und 2 in einer Bibliothek in Mapasingue, welche auch zu unsere Fundación gehört. Diese Arbeit hat mir sehr viel Spaß gemacht, ich habe in der Bibliothek wie auch in der Schule einen Monat Intensivkurs Englisch gegeben, dabei neue Kinder der Bibliothek kennen gelernt, die mir natürlich ruck zuck wieder ans Herz gewachsen sind und in der Schule war es durch die kleine Gruppe Kinder super gemütlich. Wir haben um 9 angefangen und um 12 aufgehört (vorher und auch jetzt ist das wieder 7.30 bis 13 Uhr). Neben Englisch habe ich auch versucht Basketball mit den Kindern zu spielen. Man glaubt gar nicht wie schwer es sein kann, diesem wuseligen Haufen die einfachsten Grundregeln beizubringen. Ich bin die 2 Sporttage immer heiser aus der Schule gekommen. Trotz der Schmerzen im Hals aber gerade weil es den Kindern unheimlich viel Spaß macht, habe ich vor Basketball weiter anzubieten. Was mich unheimlich freut und auch jetzt neu für mich war, nachdem ich meine Kinder fast 2 Monate nicht gesehen habe, ist die Tatsache, dass wir ganz anders miteinander umgehen können. Mein Verhältnis mit den Kindern war immer sehr zärtlich aber auch von heftigen Auseinandersetzungen und Machtkämpfen geprägt. Wer sich noch an meinen ersten Bericht erinnert, weiß, dass ich manchmal völlig verloren und hilflos vor diesen Kindern gestanden bin mit Tränen in den Augen, welche ich nicht rauslassen konnte. Ich will überhaupt nicht behaupten, dass das gar nicht mehr der Fall ist. Das wäre gelogen, aber ich merke sehr wohl, dass sie mir viel mehr Respekt entgegenbringen, dass sie mich lange nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen können und habe auch eine weitere super wichtige Erkenntnis für mich selbst gemacht. Meine erste Halbzeit hatte ich einen riesigen Ehrgeiz diesen Kindern wirklich gutes Englisch beizubringen, dabei habe ich oft viel wichtigere Dinge, welche die Kinder IN DIESEM AUGENBLICK sehr viel mehr beschäftigt hat, als den menschlichen Körper auf Englisch zu lernen, ignoriert. So richtig bewusst ist mir das erst auf dem Zwischenseminar geworden, als wir die Lebenssituation der Kinder mit denen jeder von uns arbeitet mal intensiv beleuchtet haben. Danach habe ich mich auch gefragt, für was ich mir und meinen Kindern so einen Stress mache. Ich weiß, auch wenn es bitter klingt und traurig ist, dass die Mehrheit dieser Kinder niemals Englisch sprechen wird, wahrscheinlich niemals in ein englischsprachiges Land reisen kann und wohl wahrscheinlich auch keinen Job mit den Anforderungen Englisch sprechen zu können, erhalten wird. Warum also muss ich uns dann so einen Lernstress aufzwingen. Das ist typisch deutsches Schulsystem für mich. Dass es keine Zeit gibt, auf ein Kind einzugehen, zu sehen was es vielleicht gerade viel mehr braucht und dabei eben den Lehrplan auf der Strecke zu lassen. Natürlich rechnet man bei uns auch eher nicht damit, dass fast jedes Kind täglich zu Hause traumatische Erlebnisse hat. Somit habe ich jetzt meine Einstellung geändert und meinen Unterricht mehr auf das Ziel gelenkt mit den Kindern spielend etwas zu lernen, mehr Spaß zu haben und wenn ich merke, dass es manchmal einfach nicht geht, dass es eben so Tage gibt, an denen es nicht läuft, mich viel weniger frustrieren zu lassen und probiere dann zu akzeptieren, dass es jetzt so ist und das es in diesem Moment wichtigeres gibt, als mein Unterrichtsziel zu erreichen. Seit dem merke ich, dass beide Seiten viel entspannter sind. Unsere täglichen Kämpfe gibt es, die bleiben und an denen lerne ich täglich. Genauso gibt es aber auch täglich kleine Erfolge, ein Kind, dass mich erstaunt und mich glücklich macht. Wenn ich jetzt an die kurze Zeit denke und daran, dass ich all das hier bald zurück lassen muss, macht mich das unheimlich traurig. Aber genauso weiß ich, dass alle von ihnen in dieser Schule, mit diesen Lehrerinnen und mit dieser Fundación in guten Händen sind. Das neue Schuljahr hat für uns alle mit einer überraschend hohen Anzahl an Kindern begonnen. Was uns alle sehr freut, ist die positive Rückmeldung vieler Eltern, die Empfehlung städtischer Institutionen, die unsere Schule als besonders gut erachtet und natürlich, das Geld, was uns jedes einzelne Kind mehr einbringt. Die Schattenseite der Medaille ist allerdings, dass wir unsere Englischlehrerin verabschieden mussten, die jetzt zu weit weg wohnt um weiter Englisch zu unterrichten, genauso (auch wenn es alle freut) die Schwangerschaft einer anderen Lehrerin und der somit wirklich prekärer Personalmangel. Wir beginnen zwar gerade erst mit der zweiten Woche, aber es ist deutlich absehbar, dass dieses Schuljahr für uns alle sehr anstrengend wird. Aus diesem Grund kann ich auch auf weiteres kein Englischunterricht geben, obwohl die Kinder mich seit dem ersten Tag danach fragen, weil in den Klassen einfach Not am Mann ist. Somit bin ich jetzt eine Art Assistenzlehrerin in einer Klasse mit mehr als 30 Kindern, darunter wie immer 2 verschiedenen Altersstufen, Kinder mit extremen Konzentrationsschwierigkeiten und Aufmerksamkeitsstörungen, so wie behinderte Kinder (die in spanisch seit neustem einen viel schöneren Namen bekommen haben, nämlich Kinder mit speziellen Fähigkeiten). Somit fordert uns das ganz schön, wobei ich auch sagen muss, dass es eine sehr lebendige und liebe Klasse ist. Bis wir eine neue Lehrerin gefunden haben, bin ich nun montags bis freitags in Bastion Popular in dieser Klasse. Ich hoffe allerdings, dass das alles schnell geht, da es trotzdem immer noch mein Hauptziel ist Englisch mit meinen Kindern zu machen und auch alle Klassen zu haben und mich nicht nur in einer auf zu halten. Zu meinem Leben fernab der Schule und der Arbeit im Büro gibt es zu sagen, dass ich weiterhin hier sehr sehr glücklich bin. Meine Freunde und meine Familie machen mir das Leben hier leicht und liebenswert. Mein Semester an der Uni ist rum und ich habe es sogar bestanden. Jetzt werde ich einen neuen Kurs machen, allerdings nur als Zuhörerin, weil es ja nun weniger als 3 Monate sind, bis ich zurück komme. Ich freue mich unheimlich auf Zuhause und das ist auch schön und gut so, denn wenn nicht, würde mir hier der Abschied noch viel schwerer fallen. Im Moment will ich auch noch nicht so sehr daran denken, doch es wird mehr und mehr Thema, bei der Arbeit, mit den Kindern, in der Familie und vor allen bei meinen Freunden. Als letztes will ich mich noch bei allen Entschuldigen, dass das mit dem Bericht so lange gedauert hat. Ich schreibe an diesem hier schon seit 2009, schreibe immer wieder um, lösche Teile, baue Brücken und versuche zufrieden zu sein. Ich kann niemandem erklären, warum es mir so schwer fällt diesen Bericht zu schreiben, ich habe immer so sehr Angst, dass etwas fehlt, dass es nicht wirklich mein Leben hier widerspiegelt und ich glaube schlussendlich muss ich mich einfach damit abfinden, dass ich hier nur einen klitzekleinen Teil beleuchten kann, von dem was ich erlebe. Ich habe gerade „Nachtzug nach Lissabon“ gelesen (an dieser Stelle vielen Dank an Lisa, die mir dieses Buch vor meiner Abreise geschenkt hat  ) und dabei eine Stelle entdeckt, die mich gut erklärt und mir diese komische Unzufriedenheit nimmt: „ Von tausend Erfahrungen, die wir machen, bringen wir höchstens eine zur Sprache, und auch diese bloß zufällig und ohne die Sorgfalt, die sie verdiente. Unter all den stummen Erfahrungen sind diejenigen verborgen, die unserem Leben unbemerkt seine Form, seine Färbung und seine Melodie geben. Wenn wir uns dann, als Archäologen der Seele, diesen Schätzen zuwenden, entdecken wir, wie verwirrend sie sind. Der Gegenstand der Betrachtung weigert sich still zu stehen, die Worte gleiten einem am Erlebten ab, und am Ende stehen lauter Widersprüche auf dem Papier. Lange Zeit habe ich geglaubt das sei ein Mangel, etwas, dass es zu überwinden gelte. Heute denke ich, dass es sich anders verhält: dass die Anerkennung der Verwirrung der Königsweg zum Verständnis dieser vertrauten und doch rätselhaften Erfahrungen ist. Das klingt sonderbar, ja eigentlich absonderlich, doch seit ich die Sache so sehe , habe ich das Gefühl, das erste Mal richtig wach zu sein.“ Nun sende ich die liebsten und besten Grüße nach Hause an alle meine Lieben, von denen ich hier auch immer fleißig höre, an meine Familie, an die tollen Pax Christi Mitglieder an meine alte Schule und an all die, die das hier lesen und interessiert sind und mich unterstützen, vielen vielen Dank dafür!! Luisa


Friedensgottesdienst in der Pax - Christi - Kapelle

Jeden Mittwoch findet in der Pax - Christi - Kapelle um 17.00 Uhr eine Messe für den Frieden statt. Zugang zur Kapelle über das Pfarrhaus von St. Bernhard.


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