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pax christi Bistumsstelle Speyer
Luisa Nietsch, Freiwillige von Pax Christi Speyer in Ecuador berichtet
Hallo liebe Freunde, Pax-Christi-Mitglieder, Familie und Unterstützer,
jetzt bin ich nun mehr als 2 Monate in Ecuador und seit einiger Zeit beschäftigt mich diese erste Nachricht an euch. Ich weiß sie kommt spät und ich denke es ist der erste Bericht der mir so schwer fällt, danach hoffe ich, dass es etwas leichter wird.
Es ist wirklich schwer einen Anfang zu finden und all das hier in Worte zu fassen, aber jetzt beginne ich.
Am besten mal mit meinen beiden Familien, meiner Arbeit, meinem Alltag (wenn ich hier überhaupt schon eine Art „Alltag“ erlebe), diesem für mich vollkommen neuen Land und was noch so alles in meinem Kopf und meinem Herzen rumschwirrt und für euch interessant sein könnte.
Unter der Woche lebe ich in einer Familie welche aus 4-7 Personen besteht, doch hauptsächlich aus den Großeltern Yolanda und (Don) Hermann (so nennt ihn seine Frau immer), ihrer Tochter Patrizia und mir. Tagsüber kommen dann noch die Enkelkinder dazu, das sind 3 Stück mit denen ich immer sehr viel Spaß habe. Die Hauptaufgabe des Kleinsten besteht darin mich regelmäßig zu erschrecken und gemeinsam mit seiner Schwester sind sie wohl meine besten Spanischlehrer hier.
Ich erinnere mich wie ich das erste Mal mein jetziges Zuhause betreten habe und ich ein wenig, das muss ich zugeben, geschockt war. Geschockt ist nicht ganz der richtige Ausdruck, aber ich war doch „erstaunt“. Das Haus schien mir sehr dunkel, von den Wänden blättert hier und da ein wenig Putz ab und auch die Dusche hat schon mal bessere Zeiten erlebt.
Wenn ich jetzt dieses Haus betrete fühle ich mich Zuhause und es erscheint mir vollkommen perfekt.
Diesen Wandel habe ich schon so oft erlebt. Es ist so einfach hier Menschen lieb zu gewinnen, trotz anhaltender Sprachbarrieren fühle ich mich meiner Familie schon so zugehörig. Überall wo ich das erste Mal hinkomme begrüßen mich die Menschen mit solch einer Herzlichkeit die ich in Deutschland wirklich selten so erlebt habe. Überall werde ich zum Essen eingeladen und gefragt wann ich wiederkommen kann um (meistens wieder) mit ihnen zu essen.
Mit meiner „Gastoma“ mache ich die witzigsten Ausflüge. Zum Beispiel auf die Bahiaa, das ist ein riesiger wirklich unbeschreiblich großer Markt, welcher sich zwischen Häuserschluchten im Zentrum Guayaquils erstreckt. Auf diesem Markt kann man einfach ALLES kaufen. Mir fällt nichts ein, was es dort nicht gibt. Ich habe Waschmaschinen, Welpen, Computer, diverse Mittagessen, gebrannte Computerspiele/Filme und natürlich die üblichen Dinge wie Kleidung, Schmuck und Schuhe dort gesehen. Es besteht natürlich absolut keinen Zweifel darin dass die meisten (Elektro)artikel Helerware sind.
Eine weitere neue Erfahrung für mich war die Kirche. Meine Familie, speziell die Frauen meiner Familie sind sehr gläubig. Yolanda hat mir von beginn an viel von ihrer Kirche erzählt also habe ich beschlossen sie eines Abends zu begleiten. Außerhalb der Kirche sind zwei riesige Wände voll mit Briefen, Fotos, skurrilen Figuren und Andenken. Yolanda sagte dann dass dies die Wunder seien, die die Gemeinde dieser Kirche erlebt hat und ihr zuschreibt. Da es wirklich unfassbar viele waren, habe ich gefragt ob diese Kirche denn sehr alt sei und habe dann erfahren, dass sie gerade mal 15 Jahre alt ist.
Als ich dann das innere der Kirche betreten habe, ist mir mal wieder aufgefallen wie unterschiedlich unsere Kulturen sind. An den Wänden der Kirche hängen etliche Bilder von Jesus in allen nur denkbar grellen Farben. Die reichliche Blumendeko war aus Plastik, die Statuen auch. Am Ende der Kirche hängt ein blutüberströmter Jesus, die riesigen Türen der Kirche waren die komplette Messe über sperrangelweit offen und die Menschen kamen und gingen wie es ihnen gepasst hat. Ich mit meiner angelernten deutschen Mentalität fand das natürlich reichlich unverschämt und wenig respektvoll. Meine Gastoma hat es überhaupt nicht gestört, sie stand (man steht die meiste Zeit) neben mir und hat inbrünstig die Lieder gesungen und dem Pfarrer gelauscht. Ab und an habe ich einen Gecko beobachten können der blitzschnell die Wände der Kirche entlang gerast ist. Es war wirklich schwer für mich diesen Ort ernst zu nehmen. Doch dann habe ich begriffen, dass es den Leuten dort ziemlich egal ist wie ihrer Kirche aussieht, ob die Menschen um sie herum kommen oder gehen und ich vermute die Bilder und Statuen gefallen ihnen so, weil sie es eben so gewohnt sind. Es geht ihnen wirklich nur darum gemeinsam diese Messe zu besuchen.
Ich komme nun zu meiner zweiten Familie, bei der ich das Wochenende über wohne und mit der ich zusammen arbeite. Diese Familie besteht aus den Eltern Claudia und Eduardo und ihrer Tochter Estefania. Claudia ist meine Mentorin und Chefin, mit ihr und ihrer Tochter arbeite ich zwei Tage die Woche im Büro, genauer der Fundación ADES, die meine andere Arbeitsstelle, die Schule nicht nur finanziert, sondern auch anleitet. Die Fundación ADES arbeitet in vielen Bereichen, ist jedoch eine wirklich kleine Organisation die dafür erstaunlich viel leistet. So ganz habe ich alle Bereiche noch nicht überblicken können. Wobei das Hauptprojekt doch die Schule ist.
Die meiste Zeit außerhalb der Arbeit verbringe ich mit Estefania, ich gehe 2 Abende die Woche mit ihr zur Uni, wo ich einen Kurs in Politikwissenschaften besuche. Ich belege zwar nur einen Kurs, da dieser aber in Spanisch ist und die Lehrerin vom Anspruchsgrad doch sehr meiner ehemaligen Sozialkundelehrerin gleicht, habe ich sehr viel zu leisten um mitzukommen. Aber es ist ein super interessantes Fach, der Unterricht ist straff und vollgepackt mit neuen Informationen dadurch aber auch super informativ und ich lerne eine Menge über Lateinamerika, die Politik, die Geschichte und die derzeitigen Entwicklungen.
Ich merke an so vielen Stellen in diesem Bericht, dass es viel mehr gibt, was ich zu jedem Thema sagen könnte. Es fällt mir schwer das alles zu kürzen, deshalb vielleicht auch die kleinen Gedankensprünge...man muss es mir bitte verzeihen.
Mit Estefania und ihren Freunden verbringe ich somit die Wochenenden und unter der Woche den ein oder anderen Abend essend, filmschauend (Kino ist hier lachhaft günstig, umgerechnet 1-2 Euro) oder in einer der tollen Bars quatschend. Sie und ihre Freunde sind mir schon sehr ans Herz gewachsen. Die Wochenenden am Meer sind spektakulär, das letzte Mal habe ich einen Wal gesehen. Unglaublich, wenn er dann so nah an einem dran ist und man die Größe dieses Tieres gar nicht fassen kann.
Doch der Grund weshalb ich hier bin und meine Hauptaufgabe ist die Schule in Bastion Popular.
Das Viertel ist wohl eines der ärmsten der Stadt, um es zu erreichen fahre ich jeden Morgen um 7 mit dem Taxi circa 20 Minuten. Auf dem Weg dorthin begegnet mir sehr viel Müll, es riecht teilweise fürchterlich und Straßenhunde rennen in Massen herum, das Fell zerzaust und mit der Schnauze in Müllbergen. All das gemeinsam findet man dann wieder in Bastion Popular. Die Straßen bestehen größtenteils aus Sand und Steinbrocken. Ich sehe sehr viele Menschen auf der Straße, junge Frauen, teilweise Mädchen mit ihren Kindern, Männer versammelt um verschrottete Autos. Es ist jeden Morgen ein buntes Treiben. Trotz all dieser Aspekte hat dieses Viertel auch wunderschöne Seiten, die man vielleicht erst nach 30 mal durchfahren sieht. Alles ist sehr grün, die Bambushäuser sind umzingelt von schönen Pflanzen. Es gibt kleine Stände mit bunten Früchten und Mittagessen. Und trotzdem bleibt dieser Ort eine Art Gefängnis für die Menschen dort. Oft schaue ich in Gesichter junger und alter Menschen am Straßenrand die verloren in eine Richtung starren, man sieht oder erahnt den täglichen Lebenskampf den hier viel zu viele Menschen haben.
Meine Schule ist eine kleine Schule, sie ist umzingelt von einer 3 Meter hohen Mauer auf der Glassplitter verteilt wurden. Die Gebäude sind aus Beton und der Schulhof hat 2 Fußballtore und am Ende einen kleinen, jedoch gut ausgerüsteten Spielplatz für die Kleinsten. Insgesamt haben wir 5 Klassen mit jeweils bis zu 20 Kindern. Die Kleinsten sind um die 5 Jahre, die Ältesten vielleicht so um die 12. Ich beginne meinen Tag jeden Morgen um 7.30 mit der Englischlehrerin und einer der 5 Klassen. Die Englischlehrerin ist super lieb und glücklich nun eine Unterstützung zu haben. Ihr Englisch ist schlechter als mein jetziges Spanisch, diese Tatsache hat mich unheimlich geschockt. Sie kann eigentlich fast keinen Satz auf Englisch sagen und auch ihre Aussprache lässt zu wünschen übrig. Doch sie WILL lernen und sieht große Hoffnungen in mir ihr dabei zu helfen. Sie gestaltet ihren Unterricht immer mit sehr viel Liebe und Engagement, mit Tanzen, Singen, selbst gemalten Bildern und lustigen Spielen. Die meiste Zeit während des Unterrichts verbringen wir jedoch leider damit die sich schlagenden Kinder zu bändigen. Das ist für mich das Hauptproblem dieser Schule, dieser Kinder und dieser Gesellschaft in der die Kinder groß werden. Die Kinder sind extrem aggressiv, haben größte Schwierigkeiten sich zu konzentrieren und still zu sein. Für mich ist das extrem anstrengend, ich gerate dabei oftmals an meine Grenzen und muss mich wirklich beherrschen. Ich habe schnell begriffen dass man den Kindern weder mit Gegengewalt (was bei mir natürlich nur ein fester Händedruck war), Lautstärke oder Strafe begegnen kann. Genauso wenig kann ich mich vor die Klasse stellen und ihnen zeigen dass ich vollkommen hilflos und überfordert bin. Den ersten Tag an dem mich die Englischlehrerin für die restlichen 15 Minuten alleine gelassen hat war ich den Tränen nahe und ich dachte immer „Es sind doch nur Kinder!“ Ich war so hilflos, so sprachlos (dank der Sprachbarriere), wusste nicht wohin mit meiner Fassungslosigkeit und hatte Tränen in den Augen. Ich habe nur rumgeschrieen, die Kinder auseinander gerissen, auf ihre Plätze gesetzt und all das ständig wiederholt. Löst man 2 sich prügelnde Kinder, schlagen sich schon die Nächsten. Nie gibt es einen „Grund“ das andere Kind zu schlagen, sie laufen aneinander vorbei und verpassen sich einen Tritt oder schlagen sich ins Gesicht, auf den Kopf, was immer sie zu fassen bekommen. Es ist so unendlich schwer den Kindern klar zu machen, dass es so nicht funktioniert, erst recht wenn man die Sprache um das auszudrücken nicht beherrscht. Bei diesem „Kampf“ geht natürlich zu viel Zeit verloren. Das ist vielleicht der Grund warum eine meiner Klassen, die nun seit 3 Jahren einmal in der Woche 45 Minuten Englisch Unterricht hat, die Frage „What´s your name?“ nicht versteht. Diese Erfahrung habe ich in den Examen gemacht, die die Kinder letzte Woche geschrieben haben. Außerdem wurde bei den Examen natürlich mächtig gespickt. Auf eine Art die mich als Deutsche natürlich vollkommen aus dem Häuschen gebracht hat. Die Kinder stehen sogar auf um am Nachbartisch abzuschreiben! Ist das vorstellbar??? Ich bin rumgerast in diesem Raum, habe jeden auf seinen Platz gewiesen, habe versucht klar zu machen, dass dies ein Test ist, dass sie den alleine machen müssen. Aber das Verständnis für einen Test ist eben vollkommen verschieden. Der Test wird überhaupt nicht ernst genommen, hat eben nicht die selbe Bedeutung wie Zuhause. Es ist kein Nachweis für eine Einzelleistung, was man aus diesem Test lesen kann, ist das allgemeine Klassenniveau. Ich war geschockt wie wenig die Kinder mitgenommen haben aus dem Unterricht. Damit sie sich konzentrieren können hat die Englischlehrerin tatsächlich Celine Dion angeschalten, ich konnte nur noch den Kopf schütteln und- zum Glück endlich über diese unsägliche Situation lachen. Ich habe dann begriffen dass das alles nicht so wild ist, dass das alles nicht die Bedeutung hat, die es in Deutschland hätte. Die Kinder haben mich bei jeder Aufgabe um Hilfe gebeten, ich habe sie immer abgelehnt und gesagt „Das ist ein Test, ich kann dir nicht helfen. Den musst du alleine machen.“. Das hat sie so schrecklich frustriert. Ein Kind ist heulend raus gerannt, nachdem es 4 andere getreten hat und hat mir zugerufen: „Du hilfst mir nicht!!“. Dann erst hat es „Klick“ gemacht und ich habe verstanden, dass sie so überhaupt nichts lernen werden, dass ich sie mit meinem Verhalten nur traurig und verzweifelt mache. Also habe ich begonnen ihnen zu Helfen, teilweise vorzusagen um sie auf den richtigen Weg zu bringen, habe alles noch einmal erklärt und sie haben begonnen den Test zu machen. Zwar gemeinschaftlich, aber immerhin haben sie den Stift in die Hand genommen, es sich erklären lassen und so weit ihre Geduld gereicht hat geschrieben. Als ich in die anderen Klassen kam, in denen gerade andere Tests geschrieben wurde, herrschte ein ähnliches Chaos. Die Kinder rannten herum, baten die Lehrerin um die Lösung und die Kinder die fertig waren, saßen auf dem Boden und unterhielten sich schreienderweise. Was kann ich da tun? Warum machen die diese Tests überhaupt? Was sind das nur für Umstände? Wie könnten die Kinder unter solchen Umständen etwas lernen- geschweige denn sich konzentrieren? Bis heute weiß ich darauf keine Antworten. Den Lehrerinnen ist diese Situation teilweise bewusst, doch sie sind genauso machtlos wie ich. Ich denke sie können es besser akzeptieren. Als ich das meinem Papa erzählt habe, hat er eine schlaue Bemerkung gemacht. Ich habe ihm erzählt wie beeindruckt ich von den Kindern bin, sobald es um die Essenssituation eines anderen Kindes geht. Es gibt Kinder in meiner Klasse, die nichts zu essen mitbekommen, eben weil es die Eltern nicht bezahlen können oder es sie schlicht und einfach nicht interessiert. Egal ob sie sich Sekunden vorher geschlagen haben, sobald sie bemerken, dass eines ihrer Mitschüler nichts zu essen hat wird geteilt. Ohne eine Bitte des Kindes gibt ihm fast jeder aus der Klasse etwas ab. Das hat mich sehr berührt und beeindruckt. Jedenfalls meinte mein Papa dann, dass es doch sein könne, da die Kinder in gewissen Situationen sehr gemeinschaftlich und solidarisch handeln, für sie der Test eine ähnliche Situation ist, wer mehr weiß teilt sein Wissen.
Ich will die Lehrerinnen, die Schule und die Art des Unterrichts nicht werten. Ich habe das getan, die ersten Wochen, tue es jetzt auch noch ständig- ohne es zu wollen. Ich habe gelernt, dass es sehr schwer ist mit diesen Kindern Unterricht zu machen, aber ich habe auch gelernt, dass es möglich ist, es kostet Zeit und Kraft und wenn man keinen im engeren Sinne „Unterricht“ macht, so versucht man doch den Kindern soziales Verhalten anzulernen. Dass es einen manchmal an den Rand der Verzweiflung bringen kann ist, glaube ich klar. Jedoch habe ich bemerkt dass all diese Kinder viele Potentiale habe. Ich habe noch nie Kinder gesehen, die man so leicht unterhalten und begeistern kann. Ich habe mein UNO aus Deutschland mitgebracht (ich denke jeder kennt dieses Spiel, oder?) und die Kinder lieben es, sie sind verrückt danach, wollen es alle gleichzeitig spielen, also habe ich den Stapel in 4 Teile aufgeteilt. Ständig muss man die Karten mischen, weil es zu wenige sind. Ich hätte da schon längst keine Lust mehr gehabt. Den Kindern ist das egal, sie spielen es Stunden. Es mangelt an diesen Dingen, sie haben keinerlei Spiele in dieser Schule, nicht für die Pausen, nicht für drinnen, nicht für zwischendurch. Dabei wäre das so gut für die Kinder. Sie lernen so viel dabei. Es war riesig viel Arbeit ihnen die Regeln klar zu machen und das es nur funktioniert, wenn man die Regeln beachtet und auf seine Mitspieler acht gibt. Außerdem habe ich die Regel eingeführt, dass man nur spielen kann, wenn man friedlich ist, ohne den anderen zu beleidigen oder zu schlagen. Genauso habe ich diese kleinen Papierfrösche mit ihnen gebastelt und sie „Frösche des Friedens und der Zuneigung“ genannt, jeder der einen hat, darf kein anderes Kind psychisch oder physisch verletzen. Das ganze hat immerhin für fast einen ganzen Tag funktioniert.
Mir macht diese Arbeit sehr viel Spaß, ich liebe es die Schule zu betreten und „Senorita Luisaaaaa“ zu hören, da geht mir das Herz auf und ich bin glücklich. Die Kinder kommen und umarmen einen, wollen wissen was man heute mit ihnen vorhat, ob man in ihre Klasse kommt. Auch wenn der Unterricht mit vielen Problemen und Hürden zu kämpfen hat, speziell in meiner Klasse, in der Kinder zwei verschiedener Altersgruppen (was allerdings in jeder Klasse der Fall ist), zwei behinderte Mädchen und doch viele Härtefälle sind, weiß ich das er gut ist und das er auf längere Sicht Früchte tragen wird. Es bleibt trotzdem immer ein Kampf in mir. Ich glaube daran, dass Bildung diesen Kindern am meisten helfen kann, ihr Leben vielleicht einmal anders als das ihrer Eltern zu leben. Jedoch weiß ich, dass es nichts bringt sie permanent zu fordern ohne auf ihre persönlichen Geschichten und Kämpfe einzugehen. Ich habe nun vorgeschlagen mehr Englischunterricht alleine zu geben, so dass jede Klasse vielleicht eine oder zwei Stunden mehr die Woche hat, jedoch nur unter der Bedingung die Klassen aufzuteilen. Ich habe keine Ahnung ob ich das schaffen werde, ich habe auch wirklich Angst davor, aber ich glaube es beruhigt mich irgendwie zu wissen, dass der Anspruch dann doch nicht so hoch ist und ich weiß, dass die Kinder sich sehr darauf freuen. Wenn sie hören, dass ich am Telefon mit Nia englisch spreche, sind sich total fasziniert und fragen mich danach hundert Wörter die ich übersetzen soll.
Das letzte über das ich noch berichten möchte, ist die allgemeine Situation in dieser Stadt.
In der Zeitung habe ich gelesen, dass ein Schauspieler aus Kolumbien, welcher in Guayaquil nachts überfallen wurde, gesagt hat, dass Ecuador in einer Sicherheitskrise steckt. Ich denke er hat das ganz gut getroffen. Ich habe aufgehört die erste Seite der Zeitung zu lesen, sie macht einem wirklich Angst. Die einzige Strecke welche ich alleine zurücklegen darf, ist die von meinem Haus zum Büro, eine Entfernung von circa 4 Minuten mit dem Bus. Wenn ich in diesen Bus steige, darf ich natürlich kein Laptop dabei haben, keinen auffälligen Schmuck tragen und ich sollte auch sonst durch nichts auffallen. Es ist wirklich so Schade, dass diese Stadt und wie man mir sagte ganz Ecuador von dieser schwierigen Sicherheitssituation geplagt ist. Aber wir finden immer Lösungen und Wege um hier trotzdem so frei von Angst wie möglich zu leben. Was ich hier wirklich genieße sind die tausend Möglichkeiten die man hat; jedes Wochenende gibt es etwas Neues zu sehen, zu erleben, mal eine wunderbare, witzige Bar, mal eine schicke Modenschau, mal ein Krebsessen (was wirklich super spaßig ist weil man sich wie ein Schlachter fühlt mit seinem Hammer mit dem man die Schale knackt und dabei fliegen buchstäblich die „Fetzen“, klingt ein bisschen eklig, macht aber wie gesagt mortz Spaß). Außerdem kann man in dieser Stadt wirklich zu JEDER Uhrzeit essen und zwar ÜBERALL. Es gibt diese kleinen Grillstände die für „n Abbel und n Ei“ ecuadorianische Gerichte verkaufen, meistens Hühnchen, Verde (grüne Bananen), Reis, Chorizo, Empanadas (Teigtaschen gefüllt mit Käse, Hühnchen oder Fleisch) und diverse Suppen.
Ich fühle mich hier super wohl und auch zuhause und ich genieße die Zeit sehr. Bisher bin ich auch noch von großen Heimwehattacken verschont geblieben und in einem Monat kommt auch schon meine Mama mit meiner Tante. Im Januar werde ich dann mein Zwischenseminar in Bolivien haben. Ich werde den nächsten Bericht nach Weihnachten schicken, hier haben sie seit 2 Wochen alles geschmückt, super amerikanisch, alles glitzert, blinkt, funkelt und macht nervige Geräusche. Trotzdem bin ich sehr vorfreudig, vor allem weil es um die 20 Weihnachtsessen mit allen möglichen verschiedenen Gruppen geben wird, mit der Uni, meinen Lehrerkolleginnen, mit der Fundación ADES, den Freunden, meinen 2 Familien etc. Die, die mich kennen wissen ja wie gerne ich esse. Ansonsten erlebt man hier eben immer mal wieder Dinge, die einen doch daran erinnern, dass man sich in einem Entwicklungsland befindet. Ein letztes Beispiel dafür ist unsere derzeitige, wirklich prekäre Stromversorgung. Seit 2 Wochen haben wir in diesem Land Probleme mit der Stromversorgung, zu Beginn wurde der Strom für fast 80% des Tages abgestellt, was bedeutet kein Kühlschrank funktioniert, kein Internet, kein Telefon, kein Licht, kein warmes Wasser ( duschen also nur eiskalt) und, welches das Verkehrschaos, welches hier sowieso schon herrscht perfekt macht- es funktionieren dann auch keine Ampeln. So saß ich also die erste Woche abends mit Kerzen in meinem Haus am Essenstisch. Für mich war das natürlich abenteuerlich und irgendwie spannend, ist schon krass zu sehen, dass das hier einfach passieren kann und die Menschen keine Chance haben etwas dagegen zu unternehmen, man findet sich einfach damit ab. Wenn dann ab 8 abends das Licht zurück kommt, hört man die ganze Straße rufen und lachen. Aber eben diese Situationen schweißen die Menschen hier zusammen.
Ich beende jetzt meinen Bericht, sonst werde ich nie fertig und ich werde ihn nie abschicken können. Noch einmal will ich mich dafür entschuldigen, dass er so lange gebraucht hat, aber, ich weiß nicht ob es nachvollziehbar ist, diese vollkommen neue Welt zu beschreiben macht mich oft sprachlos, selbst in meiner Muttersprache finde ich nur schwer Worte dafür und auch jetzt, nachdem ich fast 5 Seiten geschrieben habe, bleibt das Gefühl bestehen, dass es längst nicht alles ist, was ich zu erzählen hätte und dass ich doch wirklich nur sehr grob meine Situation beschreiben kann. Wer weiß, vielleicht wird das mit der Zeit besser.
Nun ein Dankeschön an alle die mich hier begleiten, mich unterstützen, mir immer Nachricht von Zuhause senden. Ich habe erst hier zu schätzen gelernt wie wichtig ihr für mich seid!
Liebste Grüße aus Ecuador und bis bald!
Luisa
Friedensgottesdienst in der Pax - Christi - Kapelle
Jeden Mittwoch findet in der Pax - Christi - Kapelle um 17.00 Uhr eine Messe für den Frieden statt. Zugang zur Kapelle über das Pfarrhaus von St. Bernhard.
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